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Politik

Ist das COVAX-Impfziel zu erreichen?

8. Juni 2021

Die internationale Initiative COVAX versucht, Corona-Impfstoffe für ärmere Länder zu beschaffen. Erst kürzlich haben Geberländer erneut Milliarden von Impfdosen zugesagt. Dennoch bleibt das Projekt schwierig.

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Ein Mann bekommt eine Corona-Impfung im Südsudan
Impfungen im Südsudan: Viele afrikanische Länder sind mit Impfstoffen unterversorgtBild: Andreea Campeanu/Getty Images

Seit Monaten appelliert die WHO an die reichen Staaten, Impfdosen gegen das Coronavirus an die internationale Impfinitiative "COVID-19 Vaccines Global Access", kurz COVAX, abzugeben - bisher mit eher mäßigem Erfolg. Während in Ländern wie Deutschland laut Robert-Koch-Institut mittlerweile rund 45 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal geimpft wurde, hat anderswo das Impfen gerade erst begonnen. In einigen Ländern wie Tansania und Tschad sind die Impfkampagnen noch nicht einmal angelaufen.

"Die Ungleichheit bei der Impfung ist eine große Herausforderung: 75 Prozent der Impfstoffdosen sind in nur zehn Länder gegangen. Weniger als ein Prozent aller Dosen ging an Länder mit niedrigem Einkommen", schreibt auch die WHO in einem schriftlichen Statement der DW. "Dies stellt leider eine zweigleisige Erholung von der Pandemie dar." 

Doch anscheinend hat es in den vergangenen Tagen eine Kehrtwende gegeben: COVAX sammelte bei einer virtuellen Geberkonferenz 2,4 Milliarden US-Dollar (1,9 Milliarden Euro) an zusätzlichen Mitteln ein - rund 400 Millionen Dollar mehr als erhofft. Aufgrund der zugesagten Spenden kann die Initiative nach eigenen Angaben 1,8 Milliarden weitere Impfdosen gegen das Coronavirus für Menschen in ärmeren Ländern bereitstellen.  

Infografik Impfdosen nach Einkommen der Länder DE

"Tropfen auf den heißen Stein" 

Mit diesen Zusagen könnte COVAX seinem Anspruch auf eine weltweit gleichmäßigere Verteilung der Impfstoffe zu sorgen, wieder ein Stückchen näher gekommen sein. Doch nach Ansicht von Hilfsorganisationen geht das Engagement nicht weit genug, kritisiert Mareike Haase, Referentin für internationale Gesundheitspolitik bei "Brot für die Welt", im Gespräch mit der DW. "Die Länder verfolgen natürlich auch ihre eigenen strategischen Interessen und spenden eher direkt an befreundete Nationen. Für eine gerechte Verteilung müsste es aus unserer Sicht aber genau über COVAX gehen."

Palästina COVID-19 | COVAX Initiative | Ankunft der Impfstoffe
Ankunft der Impfstoffe im Westjordanland: Die Zusagen seien laut Hilfsorganisationen ein "Tropfen auf dem heißen Stein"Bild: Ayman Nobani/Xinhua/picture alliance

Unter anderem hatten die USA kürzlich die Lieferung von rund 80 Millionen Impfdosen an ärmere Länder in Lateinamerika und der Karibik, Süd- und Südostasien sowie in Afrika zugesagt. Davon sollen aber nur etwa drei Viertel über die internationale COVAX-Initiative verteilt werden, sagte US-Präsident Joe Biden, der Rest werde direkt an die Länder ausgeliefert.

Zudem handle es sich bei den Mengen nur um den berühmten "Tropfen auf den heißen Stein", kritisiert Haase. "Das sind nur kurzfristige Lösungen." Die erforderlichen Auffrischungs-Impfungen und neue Mutanten machten größere Anstrengungen nötig. "Wir werden immer wieder in die Situation kommen, dass sich die ärmeren Länder die Impfstoffe nicht leisten können und deshalb greift COVAX hier einfach zu kurz." Zudem fordert Haase, dass der Patentschutz für die Zeit der Pandemie ausgesetzt wird, die EU lehnt dies jedoch zur Zeit weiter ab. 

Indien steigt aus - zumindest auf Zeit 

Einen großen Rückschritt dürfte COVAX auch durch den Export-Stopp Indiens erleben. Das Serum Institute of India (SII) war einer der größten Impfstoff-Geber weltweit. Doch nun sollen - wahrscheinlich bis Oktober - keine Impfstoffe mehr ausgeführt werden. Ursprünglich sollte der Export im Juni wieder starten. Zig Millionen Impfdosen könnten dadurch fehlen. Der weltgrößte Hersteller, Serum Institute, produziert in Indien Corona-Impfstoff für das britisch-schwedische Pharmaunternehmen AstraZeneca - und war zuvor Afrikas wichtigste Impfstoff-Quelle.

BdTD | Impfung gegen Coronavirus - Indien
Selfies im indischen Impfzentrum: Das Land benötigt die Impfdosen für die stark grassierende Pandemie im eigenen Land Bild: Amar Deep Sharma/PTI/dpa/picture alliance

Doch Indien ist derzeit selbst stark von der Pandemie getroffen. Die ursprünglich angekündigten Exporte wurden zugesagt, als Indien vergleichsweise niedrige Infektionszahlen verzeichnete. Im Frühjahr dann stieg die Sieben-Tages-Inzidenz pro 100.000 Einwohner in wenigen Wochen auf ein Maximum von etwa 200. "Wir sehen die traumatischen Auswirkungen der schrecklichen Welle von COVID-19 in Südasien - eine Welle, die auch die weltweiten Impfstofflieferungen, einschließlich COVAX, stark beeinträchtigt hat", erklärt die WHO schriftlich gegenüber der DW.

Die Impflücke bleibt 

Große Spenden auf der einen, Wegfall der Exporte auf der anderen Seite: Hilfsorganisationen wie Brot für die Welt sehen COVAX an sich auch kritisch: "Aus unserer Sicht ist COVAX ein System, bei dem sich grundsätzlich schon erwiesen hat, dass es nicht funktioniert", sagt Referentin Mareike Haase der DW. Als problematisch erweist sich aus ihrer Sicht insbesondere die Freiwilligkeit, auf der COVAX basiert. "Das ist ja das Problem, dass sich die Länder lieber bilateral als über COVAX die Impfstoffe gesichert haben, den Markt leer gekauft haben und Impfdosen horten. Zugleich wurde COVAX nie ausreichend finanziert und die Unternehmen haben ihre Impfstoffe lieber an die Meistbietenden verkauft als sich bei COVAX zu engagieren."

Jeder Atemzug ein Geschenk

Doch auch die Ziele von COVAX sieht Haase kritisch: War der ursprüngliche Plan, die Menschen bis zur Herdenimmunität zu impfen, spricht man mittlerweile nur noch von 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung - also lediglich ein Bruchteil dessen, was eigentlich nötig wäre, um die Pandemie weitestgehend zum Erliegen zu bringen. "Wir hätten uns von Anfang an gewünscht, dass es ein anderes, verbindliches System gibt, eines, dass auf Gleichberechtigung ausgerichtet ist und es allen Ländern ermöglicht, Zugang zu Impfstoffen zu haben." Die Spendenzusagen aus Deutschland und den USA müsse man deshalb "mit Vorsicht betrachten, wenn man sich gleichzeitig auch die große Lücke anguckt".

Stephanie Höppner Autorin und Redakteurin für Politik und Gesellschaft